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 Basler Zeitung; 25.09.2004; Seite 1

Die Anforderungen an die Lehrlinge sind gestiegen

Ein Gespräch mit Niklaus Gruntz, Leiter des Amtes für Berufsbildung und Berufsberatung Baselland

Stellefant: Niklaus Gruntz, wie beurteilen Sie die Lage auf dem Lehrstellenmarkt im Kanton Baselland?

Niklaus Gruntz: Man kann sagen, die Lehrstellensituation in den beiden Basel ist angespannt, aber nicht dramatisch. Ich erwähne beide Basel, weil wir eng zusammenarbeiten. Im Kanton Baselland finden rund fünfzig Jugendliche nach der Volksschule keine Anschlusslösung. Das sind natürlich fünfzig zu viel.

Bei diesen fünfzig besteht die Gefahr, dass sie sich später nicht mehr in den Arbeitsmarkt integrieren können und sich enttäuscht von der Gesellschaft abwenden. Hier müssen wir also ganz besonders ein Auge darauf werfen. 500 gehen jedes Jahr in Brückenlösungen, absolvieren also ein zehntes Schuljahr, um sich nochmals während eines Jahres weiter für den Lehrstellenmarkt zu qualifizieren.

Was ist das grösste Problem auf dem Lehrstellenmarkt?

Schulisch Schwächere haben immer mehr Mühe, eine Lehrstelle zu finden.

Weshalb?

Nun, die Anforderungen an die Lehrlinge sind klar gestiegen. Die Arbeitgeber erwarten heute einfach mehr von ihren Arbeitnehmern als noch vor zehn Jahren. Hinzu kommt, dass es weniger Arbeit für wenig Qualifizierte gibt. Einfache Arbeiten wurden und werden ausgelagert oder durch Maschinen und Computer ersetzt. Nicht alle können mithalten. Die Folge: Es hat keinen Platz mehr für Schwächere!

Was sind die häufigsten Gründe für einen Lehrabbruch?

Falsche Berufswahl und gesundheitliche Gründe, die zum Abbruch führen, gab und gibt es immer. Insofern ist dieser Anteil etwa konstant. Eine Zunahme verzeichnen wir bei den Lehrabbrüchen, welche durch eine mangelnde Leistungsbereitschaft und durch mangelnde Sozialkompetenz verursacht sind. Die Fähigkeit, sich in den Betrieb zu integrieren, nimmt ab.

Wie viele brechen ihre Lehre ab?

Im Baselbiet werden jährlich rund 500 Lehrverträge aufgelöst. Die meisten Jugendlichen finden wieder eine Lehrstelle, doch zwischen 50 und 100 haben grosse Mühe, eine neue Lehrstelle zu finden. Insbesondere jene, bei denen der Lehrvertrag wegen mangelnder Leistungsbereitschaft, also unter negativeren Vorzeichen aufgelöst worden ist.

Wo ist das Amt für Berufsbildung und Berufsberatung im Bereich der Lehrstellen aktiv?

Zum Beispiel bei der Lehrstellenbeschaffung. So gibt es einen Lehrstellenförderer, der den Firmen der Region Besuche abstattet und fragt, ob sie nicht noch Lehrstellen anbieten Können. Der Lehrstellenförderer ruft bei dieser Gelegenheit den Firmen auch die gesellschaftspolitische Bedeutung der Lehrlingsausbildung in Erinnerung. Wir versuchen ebenfalls, so genannte Lehrverbände zu fördern. Hier geht es darum, dass mehrere Firmen zusammen eine Lehrstelle anbieten. Ein KV-Stift macht also seine Lehre nicht in einer einzigen, sondern in drei oder vier verschiedenen Firmen! Alleine könnten die Firmen die Lehrstelle nicht anbieten. Im Verbund klappt es jedoch! Wir helfen mit, solche Win-Win-Situationen zu ermöglichen. Im Weiteren führen wir eine Vielzahl von Projekten durch: beispielsweise das Projekt Mentoring-Berufsbildung, welches Migranten und Migrantinnen einen Götti resp. eine Gotte bei der Auswahl und Begleitung durch die Lehre zur Seite stellt. Bei E Lehr mit Kick verpflichten sich Schwächere - welchen in schulischen Belangen gewisse Voraussetzungen fehlen, um eine Lehre erfolgreich zu absolvieren -, jeweils am Samstagmorgen zusätzlichen Unterricht zu besuchen. Durch gezielte Unterstützung und Hilfe bei den Aufgaben wird versucht, ihnen unter die Arme zu greifen. Wir haben auch eine spezielle Jugendberatungsstelle. Sie sehen, der Kanton macht einiges, um allen eine Lehre zu ermöglichen. Allgemein möchte ich die enge Zusammenarbeit mit der Wirtschaftskammer hervorheben. Denn als Amt funktionieren wir nur in enger und guter Zusammenarbeit mit der Wirtschaft!

Sie sind nicht nur für Jugendliche da. Auch Erwachsene können zu Ihnen kommen.

Richtig. Hier geht es vor allem um die Laufbahnplanung und um die Weiterbildung. Heute wird die Berufs- und Laufbahnberatung zu mehr als der Hälfte von Erwachsenen aufgesucht. Sie sehen, unsere Beratungen werden bei weitem nicht nur von Jugendlichen nachgefragt. Allgemein stellen wir fest: Der Einzelne fühlt sich heute vermehrt für seine Laufbahn verantwortlich und braucht daher mehr Rat. Ich werte das als positiv. Jährlich nehmen rund 4000 Personen die Berufsberatung im Rahmen von Beratungen in Anspruch, und jährlich besuchen rund 9000 Personen die BIZ (Berufsinformationszentren), um sich über Lehrgänge, Laufbahnen und Berufe zu informieren. Immer mehr Erwachsene überlegen sich, eine neue Laufbahn einzuschlagen. Auch deshalb, weil viele Arbeitsplätze heute nicht mehr so sicher sind, wie sie es einmal waren, und Firmenwechsel häufiger geworden sind. Lebensstellen gehören der Vergangenheit an.

Beraten Sie auch Wiedereinsteigerinnen nach einer Schwangerschaft?

Ja. Das ist ein spezieller Aspekt der Laufbahnberatung. Frauen eignen sich während ihrer beruflichen Auszeit oft vielfältigste Fähigkeiten an. Sei dies nun bei Arbeiten in der Gemeinde, der Kirche, der Quartier- oder Erziehungsarbeit. Kenntnisse, die beim Wiedereinstieg von grossem Nutzen sein Können. Das BIZ bietet hierzu einen speziellen Kurs an. Wir stellen immer wieder fest: Frauen trauen sich häufig zu wenig zu!

Wer ist bei Ihnen fehl am Platz?

Unsere Laufbahnberatung richtet sich weniger an Leute des oberen Kaders. Die haben andere Kanäle. Da besteht schon ein grosses Angebot an Personalberatern, Headhunting- und Outplacement-Firmen.

Viele kennen Ihr Amt nicht. Wie wird man auf Ihre Dienstleistungen aufmerksam?

Durch Mund-zu-Mund-Propaganda oder durch unsere Werbung. Wir informieren an Schulen und diese kommen zu uns. Viele werden auf unsere umfassenden Dienstleistungen aufmerksam, wenn sie das BIZ zum ersten Mal besuchen und sich hier beraten lassen oder sich in unserer Mediothek über einen Beruf informieren. Wir haben je ein BIZ in Liestal und in Bottmingen. Es wäre sicher besser, die BIZ befänden sich an Passantenlage.

Wie läuft eine Beratung ab?

Im Mittelpunkt der Beratung steht das persönliche Gespräch. Wir bieten Unterstützung beim Erkennen von Interessen, Begabungen und beruflichen Zielen an. Wir geben bei auftretenden Unsicherheiten und Fragen bei der Berufs-, Schul- und Studienwahl Hilfe zur Klärung, ebenso bei Fragen der Laufbahnplanung, des beruflichen Wiedereinstiegs, bei Problemen der Stellensuche oder bei Arbeitslosigkeit. Wir bieten psychologisch fundierte Beratungen für Jugendliche, die gar keine Ahnung haben, was aus ihnen werden soll. Oder wenn zum Beispiel Erwartungen der Jugendlichen, aber auch der Eltern zu hoch sind und nicht der Realität entsprechen. Hier versuchen wir Jugendliche zu befähigen, selbst zu erkennen, wo ihre Stärken und ihre Berufung liegen könnten. Wir führen auch Tests durch - im Bewusstsein allerdings, wie heikel gewisse Tests sind.

Was kosten diese Informations- und Beratungsdienste?

Eine Berufs-, Studien- oder Laufbahnberatung ist für alle Personen, die im Kanton Baselland wohnen, kostenlos.

Interview Fabian Gull

Niklaus Gruntz ist ausgebildeter Sekundarschullehrer (Deutsch, Geschichte, Englisch) und wechselt später in die Lehrlingsausbildung der Sandoz. Bevor er zwei Jahre als Geschäftsführer beim Berufsberaterverband amtete, war er Vizedirektor des Schweizerischen Wirteverbandes (Gastro Suisse). Seit sieben Jahren leitet Gruntz das Amt für Berufsbildung und Berufsberatung des Kantons Basel-Landschaft. Gruntz ist 59 Jahre alt und Vater von zwei erwachsenen Kindern.

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